Dienstag, 4. März 2014

[Die Story hinter dem Buch] Thiemeyer, Thomas - Valhalla bzw. 10 Jahre Hannah Peters – Ein Jubiläum

heute:



Thiemeyer, Thomas - Valhalla

bzw. 10 Jahre Hannah Peters – Ein Jubiläum

 




Ich begegnete ihr das erste Mal im Herbst des Jahres 2001, in unserer kleinen Wohnung im Stuttgarter Westen, inmitten von Bildern, Reiseberichten und Kunstbänden. Damals arbeitete ich noch hauptberuflich als Illustrator, fertigte Umschlaggemälde für den Heyne Verlag, Jugendsachbücher für Ravensburger und Fantasybilder für die FanPro-Reihe „Das schwarze Auge“ an. Der Plan, einen Roman zu schreiben, trieb mich schon eine ganze Weile um und ich hatte zwei abgeschlossene, wenn auch unveröffentlichte, Manuskripte in meiner Schublade liegen.
Auf der Suche nach einem neuen Thema trat sie plötzlich in mein Leben. Mittelgroß, Brillenträgerin, unbestimmtes Alter, wilde braune Haare und ein schalkhaftes Lächeln im Gesicht. Sie ging an meiner Bücherwand entlang und ließ ihre Finger über die Heftrücken meiner National Geographic-Sammlung gleiten.

»Warum schreibst du keinen Archäologieroman?«, fragte sie. »Du könntest an exotische Orte reisen, fremde Kulturen kennenlernen und sagenumwobenen Mysterien auf die Spur kommen. Offenbar beschäftigt dich dieses Thema bereits seit einigen Jahren. Das Ganze vermischt mit Spannung, Liebe, Abenteuer – daraus müsste sich doch eine gute Geschichte stricken lassen, oder? Wenn du möchtest, helfe ich dir dabei.«


© Thomas Thiemeyer

Ich sah sie an und zögerte. Sie wirkte so ganz anders als diese übergroßen Hollywoodlegenden Indiana Jones oder Lara Croft, die mit Waffen und Sprengstoff in alte Tempelanlagen eindrangen und ihnen die Geheimnisse mit Gewalt entrissen. Eine eher schmale, unscheinbare Frau, in der aber ein gewisses Feuer loderte. Offenbar trug sie selbst auch einige Geheimnisse mit sich herum. Scharten, die das Leben geschlagen hatte, alte Verletzungen, die nie ausgeheilt waren.

Ich entschied, ihren Vorschlag anzunehmen und sie auf einer ihrer Expeditionen zu begleiten. Was hatte ich schon zu verlieren, immerhin musste ich mich nicht allein in unbekanntes Terrain vorwagen. In „Medusa“ entführte sie mich in die Sahara, hinein ins Land der Tuareg, der Sandsteingebirge und Felsmalereien. Sie zeigte mir Orte, von denen ich noch nicht mal gehört hatte, und begeisterte mich mit haarsträubenden und lebensgefährlichen Abenteuern.

Als der Roman 2004 erschien und mit weit über 150.000 verkauften Exemplaren in die Bestsellerlisten sprang, wurde mir klar, dass aus unserem kleinen Flirt mehr geworden war. Hannah hatte mich an die Hand genommen und mir den Weg gewiesen. Das hier fing an ernst zu werden. Eine richtige Beziehung. Eine Fernbeziehung zwar - schließlich galt es noch andere Romane zu schreiben - aber immerhin.

Es folgten in einigem Abstand zwei weitere Romane, in denen sie mir sehr nah war, nur um mich kurz darauf, und für unbestimmte Zeit, wieder zu verlassen. On-Off, wie das bei modernen Paaren eben so ist. In „Nebra“ lud sie mich ein, die Wunder europäischer Frühkulturen zu entdecken. Genauer gesagt, das Geheimnis um die Himmelsscheibe von Nebra und den Hexenkult am Brocken.
Danach wurde es noch gefährlicher. 


© Thomas Thiemeyer

„Valhalla“ stand an, und ich musste an einen Ort reisen, an den ich mich unter normalen Umständen nie begeben hätte – in die Welt ewigen Eises, klirrender Kälte und Monate währender Polarnächte. Es war tröstlich zu wissen, dass Hannah in dieser Zeit genauso gelitten hat wie ich. Wir beide sind nicht für diese Temperaturen geschaffen. Wir sehnen uns nach Wärme, Licht und Weite. Doch auch dieses Abenteuer endete im Guten und zum Glück ohne abgefrorene Gliedmaßen oder andere bleibende Schäden. Hannah verabschiedete sich von mir, zog davon, irgendeinem neuen haarsträubenden Abenteuer entgegen, und ließ mich zurück, damit ich mich wieder meiner Arbeit widmen konnte. Denn so ist sie: Sie geht, wenn es ihr passt, und kommt irgendwann, wenn ich am wenigsten mit ihr rechne.
On and Off.

Zehn Jahre sind inzwischen vergangen. Für mich. Wie viele es für Hannah sind, fragen Sie? Keine Ahnung. Denn man muss fein zwischen Echtzeit und Romanzeit unterscheiden. Irgendwie gehen die Uhren zwischen zwei Buchdeckeln anders. Manchmal schneller, manchmal langsamer – es scheint da keine festen Regeln zu geben.

Hannah ist in diesen Jahren kaum gealtert. Inzwischen ist sie mit John zusammen und hat ein Kind. Sie ist gereift, vielschichtiger und klüger geworden, aber sie sieht noch immer so aus wie damals, als wir uns zum ersten Mal begegneten. Mit diesem Schalk im Gesicht, den staubigen Klamotten und der Karte in der Hand.

Aber eines weiß ich genau: wenn sie das nächste Mal durch meine Tür tritt und mich anlächelt, wird es sein wie damals. Ich werde unruhig und unkonzentriert. Das Kribbeln und die Abenteuerlust überfallen mich. Ich werde wieder diesen unbezähmbaren Drang verspüren, alles stehen und liegen zu lassen und ihr zu folgen, egal wohin. Denn das ist es, was uns verbindet – Hannah und mich. 


 © Thomas Thiemeyer 2014





  • Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
  • Verlag: Knaur HC (3. März 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342665265X
  • ISBN-13: 978-3426652657






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