Dienstag, 20. Mai 2014

[Die Story hinter dem Buch] Liemann, Jörg - Blackout - Die Epidemie

heute:




Liemann, Jörg - Blackout - Die Epidemie
 




Blackout – Die Epidemie ist meine vierte Roman-Veröffentlichung. Am Anfang stand eine Krimiserie, über die ich hier, auf der Website von Claudias Bücherregal, schon einmal berichtet habe (Flammenopfer und Blutige Spuren). Vor einiger Zeit trat der Aufbau-Verlag an mich heran und bat um einen Wissenschaftsthriller. Den Themenkreis steckten wir schnell ab: Hirnforschung.


Der Aufbau-Verlag gab dem ersten Thriller den Titel Jung genug zu sterben. Darin geht es um das Rätsel der Pubertät: Weshalb werden wir in diesen Jahren so sonderbar und unleidlich? Weshalb hadern wir mit der Welt und hassen uns mitunter selbst? Bei der Recherche, die recht intensiv war, lernte ich, dass es dafür einen biologischen Grund gibt: Während der Pubertät wird das System der Nervenleitungen im Gehirn nicht nur umgebaut sondern komplett neu organisiert. Und wie immer bei Baustellen gibt es Chaos. Leider ist es so eingerichtet, dass unser Verstandeszentrum, das direkt hinter der Stirn sitzt, erst ganz zum Schluss der Pubertät renoviert wird. Denn es ist der evolutionär neueste Bereich des Gehirns. Bei zahlreichen Menschen ist dieser Vorgang erst mit 20 oder 21 Jahren ganz abgeschlossen. Es hätte mir damals, als ich selbst pubertierte, sehr geholfen, wenn mir diese Tatsachen wenigstens bekannt gewesen wären. Eltern geht es übrigens ähnlich.


Diesem Thriller stellte ich 2012 das Motto voran: Alles wird weiß. Das bezog sich zunächst auf das Myelin, das bei der Isolierung der neuen Nervenleitungen eminent wichtig ist. Ich spielte damit aber auch auf viele andere Vorgänge im Buch an, unter anderem auf den Schnee in den Schweizer Alpen. Als sich nun der Aufbau-Verlag einen weiteren Thriller aus der Wissenschaftskategorie wünschte und dabei wieder auf die Hirnforschung setzte, wählte ich das Motto Alles wird schwarz. Wieder steht das Gehirn im Mittelpunkt. Das Thema ist: die Demenz.


Übrigens handelt es sich nicht um einen Fortsetzungsroman. Man kann also Blackout – Die Epidemie lesen, ohne das Vorgängerbuch zu kennen. Dennoch habe ich eine Parallele eingebaut, indem ich zwei Personen wieder auftreten lasse. Sie waren mir einfach in Jung genug zu sterben ans Herz gewachsen. Was aber wichtiger ist: Sie sind wichtig für die Handlung und das ausgeglichene Figuren-Tablet. Das eine ist ein Tänzer und Medienchoreograf namens Jenissej, dem die Kreativität über alles geht. Kein Kopfmensch, sondern durch und durch Körper und Kunst. Das andere ist, ungewöhnlich für einen Thriller, ein etwas knarziger Kommissar, der Humor in die Story bringt, schon weil er absichtlich deplatziert wirkt. Humor? Ja. Demenz ist ja ansonsten ein deprimierendes Thema.


Da sind wir bei einem weiteren wichtigen Stichwort, der Verantwortung. Ob es nun um einen Kriminalroman oder um einen Thriller geht, haben Autoren und Autoren meiner Meinung nach die Pflicht, nicht über die Stränge zu schlagen. Natürlich dürfen sie Dinge erfinden, müssen sie zuspitzen und durchaus übertreiben. Ich möchte aber keinen Roman lesen, der nur dadurch spannend zu sein versucht, indem er mir so viele Leichen aufhäuft, dass ich beim Lesen eine Strichliste neben dem Buch führen muss. Bei meinen Büchern sollen Leserinnen und Leser stets sagen können: Ja, das ist denkbar, es wäre möglich. Für Blackout – Die Epidemie heißt das: Nicht irgendeinen Phantasie-Virus erfinden, der Milliarden Menschen dahinrafft. Das hat man schließlich auch schon 100-mal gelesen.


Auch ich habe, zugegeben, der medizinischen Wirklichkeit ein klein wenig nachgeholfen. Aber erst, nachdem ich mich ausführlich über die verschiedenen Formen der Demenzen informiert habe. Es gibt nämlich sehr viele, nicht nur Alzheimer. Über alle diese Krankheiten weiß die Forschung noch erschreckend wenig, egal, wie siegesgewiss manch ein Wissenschaftsautor in Zeitungen gelegentlich tönt. An den Stellen, an denen das Wissen noch im Dunkeln liegt und an denen zugleich eine hohe Variationsbreite der Demenz-Krankheiten auffällt, habe ich – ähnlich wie die Evolution – ein klein wenig am Stellrad gedreht. Mehr möchte ich hier zunächst nicht verraten.


Wichtig ist mir aber immer bei meinen Büchern, dass man so ganz nebenbei auch etwas mehr über ein Thema erfährt. Ich jedenfalls habe viel über Demenzen gelernt, über die Betroffenheit im persönlichen Umfeld hinaus. Hier nur ein Beispiel, das aus meiner Sicht für das persönliche Leben von Bedeutung ist: Offensichtlich sind 8 % der Demenzerkrankungen reversibel. Das heißt: Während eine Demenz wie Alzheimer derzeit unheilbar ist, können andere Demenzen gestoppt werden, sogar die Schäden lassen sich teilweise wieder beheben. Voraussetzung ist, dass diese Demenzen rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Notwendig wäre also ein dringender Appell: Lasst euch bereits bei ersten Anzeichen untersuchen und habt keine falsche Scham. Und: Einige dieser Erkrankungen betreffen auch jüngere Personen!

Aber keine Sorge, im Buch verzichte ich natürlich auf jeden erhobenen Zeigefinger...


Wie die meisten inzwischen wissen, bedeutet Demenz nicht einfach nur, im Alter vergesslich zu werden. In einer Doku hörte ich einmal den Satz: Demenz heißt nicht, gelegentlich den Schlüssel zu vergessen. Demenz bedeutet, den Schlüssel anzustarren und nicht mehr zu wissen, was man mit diesem Gegenstand anfangen soll.


Es macht Angst, wie Menschen ihre schönsten Erinnerungen verlieren; wie ihre Persönlichkeit schwindet. Viele vergessen am Ende sogar, wie man lebt. Deshalb kann Demenz tödlich sein. Für den Roman war mir schon früh klar, dass genau diese überbordende Krankheit das Böse in dieser Handlung ist. (Trotzdem verzichte ich nicht auf eine Reihe fieser Typen.)


Über die konkrete Handlung möchte ich, wie immer, hier nichts weiter sagen, um niemandem den Spaß zu verderben. Ich empfehle aber, am Rande auf die Rolle zu achten, die das Wasser in diesem Buch spielt. Literarisch Bewanderte werden es vielleicht eine Metapher nennen. Das Wasser spielt dann auch sozusagen die Hauptrolle im Buchtrailer...


Es ist nun schon das dritte Mal, dass ich mich direkt nach dem Schreiben mit einer Umwandlung meiner Ideen in Bilder befasse. Für einen Autoren ist das eine relativ ungewöhnliche Erfahrung. Normalerweise kommen allenfalls ein paar Jahre später Leute daher, die einen Roman in ein Drehbuch und dann in einen Film verwandeln wollen. Aber als Autor von einem Tag zum anderen nicht mehr nur seinem Wort vertrauen zu können, sondern zur Kamera zu greifen, das ist eine Herausforderung. In diesem Fall umso mehr, weil es gerade Januar war und das Gewässer zuzufrieren drohte, in das ich meine Unterwasserkamera tauchen wollte.


Im Trailer sieht man dann nur ganz kurz, wie es von der Wasseroberfläche hinab geht. Die Eiskruste war zum Glück noch sehr dünn. Aber wer es ganz genau wissen will: Das ist wirklich der Maselakekanal in Berlin-Spandau, in dem ein Teil des Buches spielt. Jörg Breitenfeld, der auch diesmal wieder den Trailer mit meinen Bildern produzierte und schnitt, hat eine zweite Version erstellt – sozusagen den Director's Cut –, in dem noch eine weitere Unterwasserkamera-Sequenz aus besagtem Kanal eingefügt ist. Man sehe sich noch einmal Jaws (Der weiße Hai) von Steven Spielberg an, der beginnt ähnlich...



Ich sehe um das Gehirn herum noch viele Geschichten, die spannend sind und dennoch auf Fakten basieren. Ich wüsste auch schon ein Motto, das nach Alles wird weiß und Alles wird schwarz folgt. Aber das hängt natürlich davon ab, wie Ihr die bisherigen Storys findet. Über Anmerkungen und Fragen freue ich mich.



geschrieben von Jör Liemann




  • Taschenbuch: 416 Seiten
  • Verlag: Aufbau Taschenbuch; Auflage: 1 (16. Mai 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3746630096
  • ISBN-13: 978-3746630090



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