Dienstag, 5. August 2014

[Die Story hinter dem Buch] Carlotta Franck - Blau ist die Farbe der Liebe


heute:


Carlotta Franck - Blau ist die Farbe der Liebe

 



Es gibt einen Teil des Schreibens, der magisch war, ist und bleibt, egal, wie sehr sich der Literaturbetrieb verändert.


Sommer 2010: Eigentlich wollten mein Mann und ich nur Urlaub machen. Ich hatte gerade die erste Fassung von Das Glück in weißen Nächten, das 2012 unter Verena Rabe erschienen ist, fertig geschrieben. Unsere Kinder waren zum ersten Mal allein in England. Mein Mann und ich brachen kurz nachdem wir sie zum Flughafen gebracht hatten in Richtung Bretagne auf. Es war eine schwierige Zeit, weil die zweite Frau meines Vaters, Helen Escobedo, eine fantastische mexikanische Künstlerin und schon lange meine Mentorin, todkrank war und ich ahnte, dass sie demnächst sterben würde. Ich hatte sie gerade vorher in Mexiko besucht und mich dort eigentlich schon von ihr verabschiedet.

Ich wollte abschalten, die Seele baumeln lassen, Kraft schöpfen. Deshalb hatte ich ein Zimmer im Le Temps de Vivre in Roscoff im Finistère gebucht. Zeit zu leben am Ende der Welt: das erschien mir genau das richtige Motto für diese Reise zu sein.

Schon als ich am zweiten Tag durch den kleinen Ort schlenderte dachte ich, hier könnte eine Geschichte spielen. Mich faszinierten die Farben des Himmels, die sich innerhalb von Minuten änderten. Eigentlich wollte ich nicht arbeiten, aber der Mechanismus setzte ein, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Bald hatte ich mein Moleskine Taschenbuch immer bei mir. Wir saßen im Café am Hafen, das als Chez Louis im Roman Blau ist die Farbe der Liebe vorkommt und vertrödelten die Zeit. Wir kauften uns Picknickstühle und fuhren an einsame Strände, genossen das Alleinsein ohne Kinder, die Weite des Meeres, die Abgeschiedenheit. Und die ganze Zeit erklang in meinem Hinterkopf eine Melodie. Erst war sie ganz leise. Ich wusste, ich wollte etwas über die große Liebe, Tod, Trost und Hoffnung und die Frage schreiben, ob man zweimal im Leben intensiv lieben kann. Wir unterhielten uns viel über diese Dinge, ich musste mich auf einen sehr schmerzhaften Verlust vorbereiten.
 
Es war eine Zeit zwischen tiefer Freude, mit meinem Mann so intensiv zusammen zu sein – mit ausgedehnten Frühstücken auf dem Zimmer, langen Spaziergängen, Essen in kleinen Restaurants - und der Frage nach der Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit des Lebens. Und wieder kam ich zu dem Ergebnis, den Augenblick zu nutzen, wie auch schon nach meinen Erlebnissen 2005 in London bei den Attentaten auf die U-Bahnen.


Wir fuhren auf die Ile de Batz, ein kleines Eiland ohne Autos, das eine Viertelstunde mit der Fähre von Roscoff entfernt liegt. Dort liefen wir über die Insel und entdeckten ein bretonisches Landhaus, das direkt am Meer allein auf einer Wiese steht und von einem Leuchtturm ganz in der Nähe überragt wird. Ein Mann im weißblau geringelten Hemd trank auf der Terrasse Kaffee aus einer Boule. Ich beobachtete ihn und da war er, Mathieu Fleury, meine Hauptfigur, ein Schriftsteller, der dieses Haus für den Sommer gemietet hatte, um dort seinen Roman zu Ende zu schreiben. Ich wusste, dass er in einer Schreibblockade steckt. Wir stiegen auf den Leuchtturm und in Angesicht dieser wunderbaren Landschaft entfaltete sich meine Geschichte weiter vor mir. Ich sah drei junge Erwachsene vor meinem inneren Auge und wusste, dass sind Finn, Katha und Jule, die Kinder der weiblichen Hauptfigur Susanne Mewes. Ich sah in ihren Augen Schmerz, Trauer, ich wusste, dass sie vor einiger Zeit ihren Mann David verloren hatte. Und dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, er wurde hoffnungsfroh, fröhlich und in mir breitete sich eine innere Ruhe aus. Ich wusste, nach so einem schmerzlichen Verlust kann es weitergehen. Mein Mann und ich gingen zum Hafen und setzten uns in eines der Restaurants zum Mittagessen. Ich sah über den Hafen, schlug mein Moleskine Notizbuch auf, stellte den Ipod auf laut, hörte Jason Mraz und schrieb. Der Salat kam, ich ignorierte ihn, mein Mann bestellte Muscheln, trank den Wein allein, ich schrieb und schrieb. Es dauerte zwei Stunden, sagte mein Mann mir später, für mich hätten auch nur fünf Minuten vergangen sein können. Die Geschichte war da, ich wusste, wie der letzte Satz sein wird: Komm tanzen. Meine Figuren hatten sich an meinen Tisch gesetzt und mir ihre Geschichte erzählt.

Helen Escobedo ist im September 2010 gestorben. Es hat gedauert, bis ich anfangen konnte, die Geschichte zu schreiben, aber jetzt halte ich das erste Exemplar von Blau ist die Farbe der Liebe in der Hand und freue mich unglaublich, dass jetzt auch alle anderen die Geschichte von Sanne, David und Mathieu lesen können. Für mich ist sie während des Schreibens so wirklich gewesen, als ob sie tatsächlich passiert ist.

geschrieben von Carlotta Franck (Verena Rabe)


 
  • Taschenbuch: 304 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (1. August 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426514273
  • ISBN-13: 978-3426514276



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen