Dienstag, 19. August 2014

[Die Story hinter dem Buch] Nicole Vosseler - Zeit der wilden Orchideen


heute:



Nicole Vosseler - Zeit der wilden Orchideen

 



Manchmal gewinnen Schnappschüsse, die in der Laune eines Augenblicks geknipst werden, erst im Nachhinein Bedeutung.

Das Foto, das mich am Singapore River zeigt, ist ein solcher Schnappschuss. Entstanden ist er Ende November 2011, kurz nach dreizehn Uhr Ortszeit, vor einer Bootsfahrt über den Fluss. Hätte mich in diesem Moment jemand gefragt, ob ich nicht einmal einen Roman schreiben wolle, der in Singapur spielt, hätte ich heftig den Kopf geschüttelt, vielleicht sogar lauthals über eine solche Idee gelacht.
Nichts lag mir ferner.
© Jörg Brochhausen

Am Vortag waren wir in Singapur angekommen, für einen Zwischenstopp von knapp zweieinhalb Tagen auf der Rückreise von Bali, einfach, um uns die Stadt einmal anzuschauen.

Und diese Stadt gefiel mir gar nicht. Mir war alles, was ich sah, zu groß, zu technisch, zu stylish, zu künstlich; Singapur schüchterte mich ein. Auf der Orchard Road, der stark belebten Einkaufsmeile, vergaß ich meine Abneigung für kurze Zeit, weil ich aus dem Schauen nicht mehr herauskam und vor Staunen über die Tonnen an Weihnachtsbeleuchtung, die Singapur aufgefahren hatte. Aber bald darauf überrollten mich all die Lichter, der Lärm, die Menschen, die Eindrücke, und obwohl ich mich nun schon vier Wochen in den Tropen aufgehalten hatte, ging ich beinahe ein vor Tropenschwüle.

© Jörg Brochhausen

Der Abend endete damit, dass ich weinend auf dem Hotelbett saß, nur noch nach Hause wollte und fluchte, weil ich hier noch zwei volle Tage festsitzen würde.

Der Singapore River brachte mir am nächsten Morgen Trost. An seinem Ufer, mit Blick auf die bunten Godowns und die Wolkenkratzer dahinter, war es ruhig, fast beschaulich, und mir gefiel die Bootsfahrt über den Fluss. Einer der für Singapur typischen Regengüsse ließ uns danach ins Asian Civilisations Museum flüchten, das ich ohnehin besuchen wollte, um mir ein paar Ausstellungsstücke für meinen Roman „Das Herz der Feuerinsel“ anzusehen.

© Jörg Brochhausen

Und dort begegnete ich dann dem alten, dem historischen Singapur.

Es sollte mir noch öfter begegnen an diesem Tag und an dem darauf, und auf unseren Wegen durch die Stadt entdeckte ich Ecken, in die ich mich sofort verliebte. Das Peranakan Museum. Little India. Chinatown. St. Andrew’s. Doch immer wieder war mir die Stadt, zu laut, zu groß, zu modern, einfach zu viel, überreizte und erschöpfte mich.

© Nicole C. Vosseler
© Nicole C. Vosseler

© Jörg Brochhausen

Mit zwiespältigen Gefühlen stieg ich ins Flugzeug zurück nach Deutschland, hauptsächlich froh, diese Stadt hinter mir zu lassen.

Doch ich bekam Singapur nicht aus dem Kopf.

Während ich an der „Feuerinsel“ schrieb, trieb mich die Neugierde um, mehr über Singapur wissen zu wollen, vor allem über Geschichte der Stadt. Immer noch in einem Gefühl der Ambivalenz, aber mit wachsender Faszination las ich mich durch Bücher und Artikel, und ganz zaghaft, ganz allmählich keimte in mir der Wunsch auf, über Singapur zu schreiben. Spätestens, als ich während der ersten Recherchen über die Orang Laut nachzulesen begann, hatte mich Singapur als Romanstoff am Haken. Ich war wie elektrisiert von diesem Volk der „Meeresmenschen“, das sich als die eigentliche, ursprüngliche Bevölkerung der malaiischen Welt versteht.

Ich musste ganz einfach über Singapur schreiben.

© Jörg Brochhausen
Über den Recherchen, den ersten Arbeiten am Roman söhnte ich mich ein bisschen mit Singapur aus. Und als ich vergangenes Jahr dorthin zurückkehrte, um für mein Buch vor Ort zu recherchieren, begannen wir einander zu umwerben, Singapur und ich. Jeden Tag, den ich auf den Spuren meines Romans dort unterwegs war, verliebte ich mich mehr in diese Stadt. Nicht nur in ihr altes, historisches Gesicht, sondern auch in ihr neues, modernes.

Dieses Mal betrauerte ich den Abschied von dieser Stadt, die es mir bei unserer ersten Begegnung so schwer machte und die dann doch noch – unter viel Blitz und Donner und heftigen Regengüssen – mein Herz erobert hat.

Ein Gefühl nahm ich von dort nach Hause mit. Meine Empfindungen in der Stadt, meine Wahrnehmungen. Eine ganz bestimmte Atmosphäre. Eine Vorstellung vom alten Singapur und von dem Roman, den ich schreiben wollte.

Deshalb hat dieses Foto von mir am Singapore River eine besondere Bedeutung für mich. Nicht nur, weil es mich in einem dieser Momente zeigt, die beweisen, dass am nächsten Tag die Welt oft wirklich freundlicher aussieht als am Abend zuvor. Sondern weil es einen Moment im schöpferischen Niemandsland eingefangen hat, zwischen „niemals“ und „vielleicht doch“. Einen Moment, in dem ich noch nicht ahnte, dass ich keine zwei Stunden später die Saatkörner in die Hand bekommen würde, aus denen eine Liebe zu Singapur aufkeimen und über die Zeit austreiben sollte.

Und die Idee zu meiner „Zeit der wilden Orchideen.“



  • Taschenbuch: 512 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (18. August 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 344248006X
  • ISBN-13: 978-3442480067



1 Kommentar:

  1. Ich fand das Buch so unglaublich toll =) Die Story und die Fotos machen das Ganze noch lebendiger! Danke dafür!

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